Die kleinen Wunder wachsen

Nach den Wochen voller Wachnächte, warmer Hände und vorsichtiger Hoffnung beginnt langsam eine neue Zeit für die kleinen Überlebenden.

Eine Zeit des Wachsens.

Eine Zeit des Entdeckens.

Und eine Zeit, in der aus den zerbrechlichen kleinen Wesen langsam kleine Persönlichkeiten werden.

 

Das erste selbstständige Fressen beginnt.

Doch was einfach klingt, ist zunächst ein kleines Chaos. Pfoten landen im Napf, Nasen tauchen zu tief in den Brei, kleine Körper stehen mehr im Futter, als dass sie davon essen. Überall klebt etwas – auf den Schnauzen, an den Ohren, auf dem Boden.

Alles im Leben will gelernt sein.

 

Geduldig schaut Cleo dem Treiben zu. Mit der ruhigen Weisheit einer Hündin, die vieles kennt, übernimmt sie anschließend das Aufräumen. Sanft reinigt sie die kleinen Gesichter, leckt die klebrigen Schnäuzchen und bringt mit stiller Selbstverständlichkeit wieder Ordnung in das kleine Durcheinander.

 

Mit jedem Tag wächst auch der Radius ihres Lebens.

 

Zuerst nur ein paar Schritte aus dem warmen Bettchen.

Dann hinaus aus dem vertrauten Zimmer.

Und schließlich hinein in das große Herz des Hausrudels.

 

Es ist immer wieder berührend zu sehen, wie selbstverständlich das Rudel die kleinen Neuankömmlinge aufnimmt. Ohne Misstrauen, ohne Härte – nur mit einer stillen, tiefen sozialen Weisheit, die Hunde miteinander teilen.

 

Zwischen all der Arbeit gibt es plötzlich auch viel zu lachen.

 

Die kleinen Pfoten werden mutiger.

Sie tapsen hinaus ins Leben, stolpern, spielen, fallen übereinander, stehen wieder auf.

Es wird gerauft, entdeckt, ausprobiert.

Und manchmal wird auch korrigiert – sanft, geduldig, so wie nur Hunde es können.

So lernen die kleinen Racker, Schritt für Schritt, was es bedeutet, Teil eines Rudels zu sein. Was es heißt, sich zu orientieren, Vertrauen zu haben, Grenzen zu verstehen.

Noch immer beschützt vom sicheren Zuhause von Ale und Ale

 

Und dann kommt der nächste große Schritt.

Der Garten.

 

Wind trägt tausend Geschichten in ihre Nasen.

Die Sonne wärmt ihre kleinen Rücken.

Das Gras steht so hoch, dass es für sie beinahe wie ein grüner Wald wirkt.

Sie verschwinden darin, tauchen wieder auf, stolpern über ihre eigenen Beine und entdecken eine Welt, die größer ist als alles, was sie bisher kannten.

Für sie ist es ein Fest.

 

Langsam steht auch die erste Impfung an. Dafür geht es ins Rifugio, denn die Tierärztin kommt dorthin.

Ein großes Abenteuer für die kleinen Entdecker.

Alles wird neugierig betrachtet. Jeder neue Geruch eingesogen. Jede Bewegung verfolgt.

Und danach wartet noch die grosse Wiese, auf der bereits die ersten leisen Zeichen des Frühlings erscheinen.

Dort stehen auch die Schafe.

Groß. Ruhig. Geheimnisvoll.

Mit erstaunlichem Mut nähern sich die kleinen Welpen den fremden Gestalten, schnuppern vorsichtig an der wolligen Andersartigkeit und scheinen für einen Moment zu überlegen, in was für einer wunderbaren Welt sie eigentlich gelandet sind.

 

Am Abend kehrt Ruhe ein.

 

Die kleinen Körper sind müde von all den Eindrücken, vom Lernen, vom Wachsen.

 

Wenn wir sie dann betrachten, eingekuschelt in ihrem Bettchen, warm, satt und vertrauensvoll schlafend, wird uns etwas bewusst.

Bald müssen wir sie loslassen.

Ein leiser Stich geht durchs Herz.

Denn irgendwo zwischen Milchflaschen, durchwachten Nächten, Bergen von Wäsche und unzähligen Putzlappen ist etwas entstanden,-

Liebe.

Tiefe, stille Liebe.

 

Und manchmal, wenn wir abends durch das Haus gehen und das leise Atmen der kleinen Körper hören, denken wir zurück an den Anfang.

An die Kälte.

An das Zittern.

An den Moment, in dem ihr Leben beinahe nie begonnen hätte.

 

Heute schlafen sie satt und geborgen.

Und wir wissen:

Unsere Aufgabe war nie, sie zu behalten.

Unsere Aufgabe war es, ihnen den Anfang zu schenken.

Damit sie eines Tages dort ankommen können, wo jedes Leben hingehört.

In ein Zuhause.

Zu einem Menschen.

Für immer.

 

geschrieben von Connie